Familienzentrum Monikahaus

Hilfe für Familien unter einem Dach

Tel.: 069 / 97 38 23 - 0
Sozialdienst Katholischer Frauen e.V. Frankfurt

Das Unsichtbare hinter dem Sichtbaren – Coronadramen in der Erziehungshilfe

Frankfurt, 22. Januar 2021. In der Frankenallee ist es stiller geworden. Nur zur Mittagszeit tauchen blitzlichtartig Menschen auf, die hier ihre Mittagspause verbringen, oder Kinder und Jugendliche, die sich etwas zu Essen holen. Doch wie ist ihr Leben hinter den Fassaden in der Coronazeit?
Um die Ecke der Frankenallee, in der Kriegkstraße, liegt das Familienzentrum Monikahaus. Auch hier war der Betrieb kurz vor Weihnachten 2020 eigentlich nicht mehr so turbulent. Einige Mitarbeiter:innen waren erkrankt, viele bereits im Urlaub. Aber nicht alle. Denn im Monikahaus gibt es neben vielen Familienangeboten ein heilpädagogisches Kinder- und Jugendheim und die Bewohner:innen, zum Teil schwer traumatisierte Kinder und Jugendliche, müssen rund um die Uhr und 365 Tage im Jahr pädagogisch betreut werden. Soweit so gut.

Doch über Weihnachten und Silvester hat das Virus den Regelbetrieb in der Erziehungshilfe kräftig auf den Kopf gestellt. Am 23. Dezember wurden im Familienzentrum Monikahaus drei
Mitarbeiter:innen und vier Jugendliche auf Covid 19 positiv getestet. Mitarbeiter:innen und Jugendliche waren gleichermaßen vom positiven Testergebnis geschockt. Niemand hatte damit und mit dem darauffolgenden Kraftakt für alle gerechnet. Glücklicherweise waren, bis auf einen Jugendlichen, alle Krankheitsverläufe nahezu symptom- und beschwerdefrei. Dennoch hinterließ diese Zeit ihre Spuren. Auch wenn das Monikahaus durch das Frankfurter Gesundheitsamt bei einem fachlichen Fallzuständigen eine enorme Unterstützung erfuhr, sorgte die Nachricht der positiven Testergebnisse im Heim für große Aufregung. Die neue Mitarbeiterin Lisa Schlereth, 27 Jahre, BA Soziale Arbeit, Heimgruppe 3, war sofort bereit, in der Quarantänegruppe auszuhelfen. Die Geschäftsführung stand im ständigen Kontakt mit den Eltern, dem Vormund, den Mitarbeiter:innen der Sozialrathäuser, des Grundsatzamtes und der Heimaufsicht, die alle sehr verständnisvoll und unterstützend waren und kräftig die Daumen gedrückt haben.

Doch das pädagogische Fachpersonal, hauptsächlich Sozialarbeiter:innen und Sozialpädagog:innen, die sieben Tage pro Woche und 24 Stunden täglich im familiären Kontext mit hochbelasteten jungen Menschen arbeiten, wurden lange Zeit nicht als systemrelevant eingestuft.
Fakt für die Mitarbeiter:innen ist, dass es eine große Entlastung gewesen wäre, wenn sich alle per Erlass mit einem Schnelltest oder PCR-Test – auch ohne Symptome – testen lassen könnten. Dies wird den Kollegen:innen im Schulbereich und in den Kindergärten zugestanden.

Ziel der familienähnlichen Wohngruppe ist, den Kindern und Jugendlichen Erfahrungsräume anzubieten, die ihr Selbstvertrauen und ihre Resilienz stärken. Dass während des Lockdowns keine Therapien, während der Schulschließung keine Kontakte zu Freunden mehr zulässig waren, verstärkte das Gefühl, sich dafür schämen zu müssen, dass man im Heim lebt. Kein Vereinslebens mehr, abgesagte Abholwochenenden der Eltern – aus Angst vor Ansteckung – dies alles verschlimmerte das Scham- und Schuldgefühl. Es ist ein unschöner Kreislauf, der Depressionen verstärkt, aggressive Verhaltensmuster reaktiviert, die kindliche Gefühlskontrolle erschwert.

Es hinterlässt bei vielen einen Nachgeschmack, wenn in den Medien über Altenheime, Kliniken, Kindergärten, Schulen, Homeoffice, Handel etc. berichtet wird, aber nie über die Situation in der Erziehungshilfe. Da fühlen sich die Kinder und Jugendlichen und auch die Mitarbeiter:innen im stationären Jugendhilfebereich nicht gesehen. Vor allem dann, wenn tatsächlich der worst case eintritt. Dann tut Quarantäne besonders weh

Die Kinder und Jugendlichen, die im Monikahaus ihr neues Zuhause gefunden haben, sind teilweise stark traumatisiert und haben Gewalt und Vernachlässigung erfahren. Die coronabedingten Hygienemaßnahmen schränken klar den pädagogischen und therapeutischen Arbeitsalltag ein. Wie kann man sich noch verständigen, wie trösten bei 24 Stunden Maskenplicht und einem Mindestabstand von 1,50 m?

Zitat S., Junge, 17 Jahre: „Ich fühle mich total unsicher, wenn die Betreuer oder meine Bro´s aus der Wohngruppe mit Masken vor mir stehen. Ich kann das Gesagte nicht einschätzen. Mir fehlt so sehr die Mimik und Gestik.“

Nach einer kurzen anfänglichen Überraschung „Wie, ich bin selbst betroffen?“, schlug aber dennoch die Unsicherheit zu.
Zitat Johannes Deml, 27 Jahre, BS Psychologie, Heimgruppe 2: „Außerdem verspürte ich selbst leichte Erkältungssymptome. Unmittelbar packten mich Angst und ein schlechtes Gewissen. War der Schnelltest wirklich zuverlässig? Hatte ich gerade leichtfertig die Gesundheit meiner Familie aufs Spiel gesetzt? Diese Fragen spukten mir an den Weihnachtstagen im Kopf herum.“

Manchmal kam bei den jungen Heimbewohnern auch eine aggressive Haltung gegenüber den Quarantänebestimmungen auf. Denn: In Quarantäne musste man seinen Tag hauptsächlich im Zimmer verbringen. Dann sucht man nach Schuldigen. „Wer hatte das Virus eingeschleppt? Habe ich jemanden angesteckt, der jetzt schwer krank wird? Hatte ich immer die Maske an?“ Fragen über Fragen. Insgesamt herrschte ein Ausnahmezustand, bei dem vieles neu, alles anders und zudem Weihnachten und Silvester war, bis hin zur gemeinschaftlichen Aussage der Jugendlichen, die Situation „krass gut durchgestanden“ zu haben.
Zitat A., Mädchen 13 Jahre: „Mir war während der Quarantäne so langweilig und ich habe mich noch nie so einsam gefühlt wie in diesem Moment.“

„Manche Schutzmaßnahmen sind nicht nachvollziehbar, aber wir haben es geschafft. Zuversichtlich starten wir in das Jahr 2021. Uns steckt noch die Corona-Quarantänezeit in den Knochen. Sie hat uns an unsere emotionalen und betrieblichen Grenzen gebracht. Doch die Erfahrung, diese schwere Zeit gemeinsam zu gemeistert zu haben, hat uns näher zusammengebracht,“ betonen Heike Sienel, Geschäftsführung des Monikahauses, und Jens Kurianowski, Leitung der Heimgruppen im Monikahaus.

Zitat C., Junge, 16 Jahre: „Die Quarantäne an sich wäre kein Problem gewesen wäre und ich hätte mich während der Schulzeit sogar über die zwei Wochen schulfrei gefreut. Das Problem war nur, dass die Quarantäne in den Ferien stattfand und dann auch noch in dieser Zeit zwei wichtige Feiertage lagen.“

Der Sozialdienst katholischer Frauen ist ein Fachverband im Deutschen Caritasverband und anerkannter freier Träger der Jugendhilfe, der in seinem Familienzentrum Monikahaus vielfältige, miteinander vernetzte Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungshilfeangebote unter einem Dach anbietet.

Für mehr Informationen nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf unter Telefon 069/9738230 oder per E-Mail monikahaus@skf-frankfurt.de.